| Erinnerungsmale in der Stadt |
„Hier begegnen uns Leute aus der Nachbarschaft, deren Leben auf verbrecherische Weise ausgelöscht wurden.“Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt erste Stolpersteine in Dessau-Roßlau “Nach 336 Städten in Deutschland werden wir nun heute die ersten Stolpersteine verlegen können.“, sagt Günter Donath von der Initiative „Gedenkkultur in Dessau-Roßlau“ (mehr dazu hier…). Die Gruppe, um die Lokalhistoriker Bernd Ulbrich, Werner Grossert und Günter Ziegler, sowie der Künstlerin Johanna Bartl hat dafür Gunter Demnig mit seiner bekannten Aktion (mehr dazu hier…) an die Mulde geholt. ![]() Donath umreißt kurz die hehren Ziele der Initiative, die vom Lokalen Aktionsplan für Demokratie und Tolerant gefördert und unterstützt wird. Man habe sich vorgenommen, die gesamte Gedenkkultur in der Stadt kritisch auf den Prüfstand zu stellen und weiterzuentwickeln und natürlich auch unbequeme Fragen in diesen Diskurs einzubringen. Die Stolpersteine seien dabei als ein Baustein, als erste Phase zu verstehen. „Stolpern heißt auch, darauf zu stoßen“, meint Donath und spielt damit auf den Grundgedanken des Vorhabens an. ![]() Günter Donath von der Projektinitiative "Gedenkkultur in Dessau-Roßlau" ![]() 70 BürgerInnen der Stadt wohnten der Stolpersteinverlegung bei Es ginge darum, Erinnerungsmale zu schaffen und keine klassischen Denkmäler: „Stolpersteine wollen mehr sein als ein kollektives Gedenken an einem festgesetzten Termin.“ Den Naziopfern in Dessau und Rosslau, Juden, Sinti und Roma und die ermordeten Mitglieder der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas, wolle man endlich einen Namen geben: Ihren Namen zurückgeben. Dem Pfarrer im Ruhestand ist der authentisch-regionale Rahmen der Lokalhistorie dabei besonders wichtig. Denn der Mord und Totschlag im Namen der deutschen Volksgemeinschaft hat nicht irgendwo stattgefunden, sondern auch in der ehemaligen Gauhauptstadt Dessau vor der Haustür: „Hier begegnen uns Leute aus der Nachbarschaft, deren Leben auf verbrecherische Weise ausgelöscht wurden.“ ![]() Polizeipräsident Karl-Heinz Willberg, Revierleiter Wolfgang Berger und Verwalttungsdirektor Joachim Landgraf (v. r. n. l.) ![]() Günter Donath spart den Exkurs in die bundesrepublikanische Wirklichkeit nicht aus: „Erinnern ist nicht nur Rückblick auf Vergangenes.“ Mit dem Projekt wolle man auch gegen den Geschichtsrevisionismus von rechts und aus der Mitte der Gesellschaft immunisieren und sich klar gegen eine Schlussstrichdebatte positionieren: „Manche werden sagen: Ist es nicht genug mit dem Gedenken? Wir haben das Denkmal im Stadtpark, den Info- und Mahnpunkt Zyklon B und die Stele die an die Zerstörung der Synagoge erinnert.“ Schließlich zitiert er den Holocaustüberlebenden Simon Wiesenthal: „Überleben ist ein Privileg das verpflichtet.“ Und genau dafür plädiert Donath: „Die Steine die wir jetzt verlegen fordern uns dazu auf, auch Seismographen zu sein.“ ![]() vor einem tristen Plattenbau liegen nun die ersten Stolpersteine im Boden der Stadt Landesrabbiner Moshe Flomenmann ist sicher, dass es die Aufgabe der demokratischen Gesellschaft sei, der Geschichte ein Gedächtnis zu geben. Für ihn ist das Projekt ein wichtiges Signal mit Symbolkraft: „Die Steine werden Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit nicht lösen können.“ In Halle wären so die gerade verlegten Stolpersteine schon in der ersten Nacht aus dem Boden gerissen wurden. Rechtsextreme hätten dann auf einschlägigen Internetportalen die Schändung zynisch mit den Worten: „Halle setzt mal wieder ein Zeichen“, kommentiert. ![]() Landesrabinner Moshe Flomenmann fordert die Zivilgesellschaft zur Wachsamkeit auf ![]() Stefan Giese-Rehm, der Geschäftsführer des Projektträgers K.I.E.Z. e. V, hat von der Aktion Stolpersteine erst im September letzten Jahres erfahren. Der Anlass war dabei eher negativ besetzt: Die Stadt München hat die Verlegung im öffentlichen Raum unter fadenscheinigen Begründungen untersagt. Für Dessau-Roßlau prognostiziert er da ein eher gegenteilige Entwicklung: „ Wir haben heute schon mehr Patenschaften für Steine, als verlegt werden können.“ Giese-Rehm zitiert eine Studie des renommierten Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld. Der hat in einer Studie festgestellt, dass 44 % der Befragten der Meinung sind, dass der Erinnerung an den Holocaust zu viel Platz eingeräumt würde: „Ich denke, dass das für die Leute hier auch so zutreffen wird.“ ![]() Stefan Giese-Rehm vom K.I.E.Z. e. V. Kulturamtsleiter Gerhard Lambrecht bedankt sich bei den Spendern, die die Verlegung erst möglich gemacht haben und stellt klar, dass der Stadtrat uneingeschränkt hinter der Aktion steht: „Ich denke, die Stadt hat sich eindeutig bekannt.“ Für ihn ist Gunter Demnig „ein Spurenleger“. Ausdrücklich unterstützt Lambrecht die breit angelegte Konzeption der Projektgruppe: „Dies ist ein Anfang.“ ![]() Kulturamtsleiter Gerhard Lambrecht verkündet, das die Stadt die Aktion rückhaltlos unterstützt Gunter Demnig hantiert gekonnt mit Hammer und Zement. Der eigentliche Akt der Verlegung findet unter dem Schweigen der Anwesenden statt und ist schnell beendet. Der Kölner Künstler sagt dabei kein Wort und auch später steht er nachdenklich am Rande des Geschehens. Kein Anzeichen von Routine, er überlässt es den lokalen Akteuren, sich mit den Opfern der deutschen Täter auseinanderzusetzen. Vier Steine sind nun in die Gehwegplatten eingelassen. Vier Steine für die von den Nazis ermordete Familie Hoch. ![]() der Kölner Bildhauer Gunter Demnig ![]() Warum und wie die Nazis mit ihrem bis ins Detail ausgestalteten Vernichtungsantisemitismus das Leben der Familie Hoch auslöschten, erklärt Dr. Bernd Ulbrich. Der ausgewiesene Experte weis wovon er redet, hat er doch schon mehrere Publikationen zum Antisemitismus in Anhalt, die mittlerweile als Standardwerke gelten, veröffentlicht (mehr dazu hier…). „Den Menschen wurde im Nationalsozialismus etwas genommen, was allen von uns mit auf dem Weg gegeben wurde: Persönlichkeit und Individualität.“, so Ulbrich. ![]() der Lokalhistoriker Dr. Bernd Ulbrich Gustav Hoch praktizierte ab 1933 zusammen mit seiner Frau Hanna als Arzt am damaligen Askanischen Platz 24 (heute: August-Bebel-Platz) und war zudem ein engagierter Sozialdemokrat. Schon kurz nach der Parxiseröffnung waren die Eheleute Demütigungen und Schikanen ausgesetzt. In der antisemitischen Logik der Nationalsozialisten galt Dr. Gustav Hoch er als Halbjude und wurde im Zuge des Novemberpogroms 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Auch seine Frau durfte als „Volljüdin“ ihren Beruf nicht mehr ausüben. 1942 wurde die ganze Familie, zu der auch der älteste Sohn Fritz-Werner und der damals erst 7jährige Karl-Günter gehörte, zunächst ins Ghetto Warschau deportiert. Von da kamen sie ins Vernichtungslager Majdanek und wurden dort später ermordet. „Seinen 13. Geburtstag konnte er nicht mehr erleben.“, sagt der Lokalhistoriker zum Schicksal Fritz-Werners. Der Vater Gustav Hochs starb 1942 im Altersghetto Theresienstadt. Die Mutter von Hanno Hoch wurde im November 1942 ebenfalls nach Theresienstadt verschleppt und Mitte Mai 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sich ihre Spur verlor. ![]() Stolpersteine für die ermordete Familie Hoch ![]() Bevor Günter Donath zur nächsten Stolpersteinverlegung auf den Schlossplatz hinweist, appelliert er: „Ich bitte, nehmen Sie ihr Gedenken mit nach Hause.“ ![]() Erinnerungsmale für die Eheleute Reich am Schloßplatz Die nächste Station ist die Kurze Gasse im Stadtzentrum Dessaus. Dort informiert ein Stolperstein an die Verschleppung und Ermordung des Kaufmanns Otto Potzernheim, der zugleich langjähriges Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde und 1939 deren letzter Vorsteher war. Otto Potzernheim kam im November 1942 in Theresienstadt ums Leben, seine Frau Rahel kam nach Auschwitz. ![]() Otto und Rahel Potzernheim fielen dem Naziterror zum Opfer ![]() In der Wolframsdorffstrasse wird unter der Anteilnahme zahlreicher Mitglieder der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas der Bibelforscherin Elise Steinmetz gedacht, die am 27. April 1942 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück starb. ![]() ein Stein für die Bibelforscherin Elise Steinmetz wird verlegt Schließlich werden die letzten beiden Steine im Roßlau eingebettet. Max und Hedwig Fried waren Besitzer eines beliebten Kaufhauses für Textilien und Spielwaren. Als „Volljuden“ wurden beide im April 1942 nach Theresienstadt verschleppt. ![]() Gedenken im Stadtzentrum Roßlaus Es waren mit Sicherheit nicht die letzte Stolpersteine, die in der Stadt verlegt werden. verantwortlich für den Artikel: ![]() K.I.E.Z. e. V. Projekt: Gedenkkultur für Dessau-Roßlau
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